Laichinger Tiefenhöhle im Mai 2026 — eine Mess-Tour
Tiefste Schauhöhle Deutschlands, vermessen am 4. Mai 2026 mit Disto X310 und PocketTopo nach BCRA Grade 4. Tropfstein-Generationen aus 45 ka, Höhlenklima bei konstant 9,4 °C — und der Vergleich mit der Atta-Höhle auf 6.700 m Ganglänge.
Laichinger Tiefenhöhle im Mai 2026 — eine Mess-Tour
Am Morgen des 4. Mai 2026 stehen wir um sieben Uhr vor dem Höhlenhaus in Laichingen, Schwäbische Alb. Die Sonne ist gerade über die Streuobstwiesen geklettert, die Temperatur draußen liegt bei 11 °C, der Himmel ist klar. Vor uns: ein blauer Stahlhelm mit Petzl-Stirnlampe pro Person, drei Disto-X310-Lasergeräte, zwei Android-Tablets mit PocketTopo 1.6.4, und der Schlüssel zum Mess-Bereich der Laichinger Tiefenhöhle. Heft 6 dieser Saison berichtet von einer Mess-Tour, die zwei Tage gedauert hat und das offizielle Höhlenkataster um drei zuvor nicht kartierte Seitengänge ergänzt.
Die tiefste Schauhöhle Deutschlands
Die Laichinger Tiefenhöhle ist, mit -55 m gemessen von der Mundlochsohle bis zum tiefsten zugänglichen Punkt, die tiefste begehbare Schauhöhle Deutschlands. Sie wurde 1892 zufällig bei Bauarbeiten entdeckt, 1898 erstmals befahren, und 1937 für den öffentlichen Besucherverkehr eröffnet. Heute zählt sie etwa 40.000 Besucher pro Jahr, geführt durch die ersten 330 m des Gangsystems. Die Gesamt-Ganglänge des kartierten Systems beträgt nach aktuellem Vermessungsstand 1.250 m, davon sind 920 m für die Forschung und nur ein Bruchteil für Touristen zugänglich.
Geologisch sitzt die Höhle im Oberen Massenkalk des Weißjura ζ, dem gleichen Schichtpaket, das auch die Münsinger Doline-Felder unterlagert. Anders als die Münsinger Dolinen, die als oberflächennahe Korrosionsformen wirken, hat die Laichinger Tiefenhöhle eine ausgeprägte tektonisch-vertikale Komponente — sie folgt einer fast senkrechten Kluftzone und entwickelt sich über fünf Stockwerke nach unten, mit einem klassischen Schluf-Profil im obersten Drittel.
Die Mess-Tour — BCRA Grade 4 mit Disto X310
Wer Höhlen vermisst, braucht eine Klasse. Die British Cave Research Association definiert mit BCRA Grade 1 bis 6 die Genauigkeit jeder Vermessung. Grade 1 ist die Skizze ohne Messwerte, Grade 6 die hochpräzise Vermessung mit Theodolit und Tachymeter, wie sie nur in vermessungstechnisch besonders sensiblen Höhlen angewandt wird. Unsere Mess-Tour erreichte Grade 4 — Kompass und Klinometer mit ± 1°-Genauigkeit, Längen mit ± 10 cm, und konsequente Stationsanlage in maximal 8 m Schritten.
Das Disto X310 ist seit etwa 2018 das Werkzeug der Wahl. Es kombiniert Laser-Distanzmessung (Reichweite bis 80 m im Höhlenraum mit Reflektor), digitalen Kompass und Klinometer in einem schwarzen Handgerät. Über Bluetooth funkt es die Werte an PocketTopo auf dem Tablet, wo die Topologie in Echtzeit als Polygonzug entsteht. Wir haben das Gerät am ersten Morgen mit den vier Standard-Sätzen (jeweils 0° und 180° auf einer 30-m-Referenzstrecke) kalibriert, die Reststreuung lag bei 0,3°.
Über zwei Tage haben wir 217 Mess-Strecken aufgenommen, davon 184 im Hauptsystem und 33 in den drei neu kartierten Seitengängen. Die Schließfehler auf Polygonen ab 50 m Länge lagen zwischen 0,7 und 2,4 %, im Mittel bei 1,3 % — Grade 4 sauber erfüllt.
Tropfstein-Generationen und C-14-Datierung
Der Lohn jeder Höhlen-Mess-Tour ist nicht die Karte allein, sondern die wissenschaftliche Lesbarkeit der Tropfstein-Generationen. Die Laichinger Tiefenhöhle hat in ihrem mittleren Gang-Niveau (-28 bis -38 m) eine eindrucksvolle Sintergeneration aus Stalagmiten von 40 bis 220 cm Höhe. Drei dieser Stalagmiten sind 2022 vom Institut für Geowissenschaften Tübingen mit Uran-Thorium und an den jüngeren Schichten parallel mit C-14 datiert worden. Die Bandbreite der dominanten Wachstums-Phasen reicht von 12 ka BP (jüngste, im Holozän gebildete Aufwüchse) bis 45 ka BP (älteste, ins mittlere Würm-Glazial reichende Kerne).
Die für Forschung interessante Lücke liegt zwischen 23 und 18 ka BP — also exakt im Maximum der letzten Kaltzeit. Hier zeigen alle drei untersuchten Stalagmiten einen Wachstumsstopp. Die Interpretation, mit der die Tübinger Arbeitsgruppe arbeitet und die wir teilen, ist die einer Permafrost-Versiegelung — bei vollständig gefrorenem Untergrund versickerte kein liquides Wasser mehr, der Tropfstein-Aufbau setzte aus. Erst mit dem postglazialen Wiederbeginn der Bodendurchwurzelung um 14 ka BP springt das System wieder an, und die jüngeren Sinter-Lagen mit dem typischen weißen, dichten Gefüge bauen sich auf.
Höhlenklima — die thermische Konstanz
Eines der faszinierendsten Phänomene der Laichinger Höhle ist ihr Mikroklima. Wir haben am 5. Mai an sieben Mess-Stationen entlang der Befahrungsstrecke die Lufttemperatur und die relative Luftfeuchte aufgenommen, mit einem Vaisala HMP-110-Sensor (Genauigkeit ± 0,2 °C, ± 1,5 % rF). Die Werte sind, von der Mundloch-Nähe abgesehen, von beeindruckender Konstanz:
- Lufttemperatur 9,4 °C ± 0,2 °C im gesamten tieferen System (Stationen -25 m und tiefer)
- Relative Luftfeuchte 96 bis 98 % in den geschlossenen Gängen
- Luftbewegung unter 0,05 m/s in den befahrenen Bereichen
Die 9,4 °C entsprechen exakt dem langjährigen Jahresmittel der Lufttemperatur an der Oberfläche bei Laichingen (LfU-Daten 1991-2020). Höhlen mit nur einem Eingang sind thermisch träge Mittelwert-Speicher der Außentemperatur, was Albrecht Penck bereits um 1900 prinzipiell beschrieben hat. In Mehreingangs-Höhlen mit Kamin-Effekt sieht das anders aus — die Atta-Höhle bei Attendorn zeigt im Winter messbare Temperaturgradienten zwischen ihren Eingangsbereichen, weil kalte Luft im Sommer einströmt und im Winter ausströmt.
Vergleich mit der Atta-Höhle
Wenn wir Heft-Leser nach der Mai-Tour fragen, wo sie die Laichinger einordnen, lohnt der Vergleich mit der Atta-Höhle im Sauerland. Beide sind Schauhöhlen, beide befinden sich im verkarsteten Mitteleuropa, beide haben eine wissenschaftlich erschlossene Tropfstein-Generation. Die Unterschiede:
- Ganglänge Atta-Höhle 6.700 m gegen Laichinger 1.250 m
- Tiefe Atta-Höhle weitgehend horizontal entwickelt mit nur 30 m vertikaler Differenz, Laichinger -55 m
- Gesteinstyp Atta-Höhle im devonischen Massenkalk (Givet-Stufe), Laichinger im jurassischen Oberen Massenkalk
- Sinter-Vielfalt die Atta-Höhle ist berühmt für ihre Excentriques und Sinterröhrchen, die Laichinger für ihre kompakten Stalagmiten und eine außergewöhnliche Sintervorhang-Wand im sogenannten Brunnenstein-Saal
Die Atta-Höhle ist, das muss man neidlos zugeben, das spektakulärere Schaubild. Die Laichinger Tiefenhöhle dagegen ist ein Lehrbuchbeispiel für die vertikale Karst-Entwicklung in jungen Plateaukarsten — und in diesem Sinn forschungs-didaktisch die wertvollere Adresse.
Was die Mess-Tour neu erbracht hat
Drei zuvor in keiner offiziellen Karte verzeichnete Seitengänge sind jetzt kartiert. Der längste, ein abzweigender Engschluf von 47 m Länge im untersten Stockwerk, endet in einer wassergefüllten Kluft, deren Tauchen wir der TS Speläologie Stuttgart empfohlen haben. Die neuen Strecken werden in der nächsten Aktualisierung des Höhlenkatasters Schwäbische Alb beim VdHK eingereicht. Die nächste Tour, mit Schwerpunkt auf hydrochemischer Probennahme der Tropfwässer, ist für September 2026 geplant.