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Quellen · 12 min

Donauversinkung Immendingen im Mai 2026 — Tracer und Schüttung

5 kg Uranin in die versickernde Donau, 60 Stunden später Erstankunft an der Aach-Quelle bei Aach am Hegau — 12 km Karst-Untergrund vermessen. Schüttungen zwischen 1.500 und 24.000 l/s und der Erstnachweis durch Adolf Knop 1877 im Vergleich mit aktuellen BfG-Daten.

Donauversinkung Immendingen im Mai 2026 — Tracer und Schüttung

Zwischen Immendingen und Möhringen, auf jenen drei Kilometern, in denen die junge Donau eigentlich ihrem Lauf nach Osten folgen sollte, geschieht im Sommerhalbjahr regelmäßig ein hydrologisches Schauspiel von europäischer Tragweite. An manchen Tagen versickert das gesamte Donauwasser im verkarsteten Flussbett. Der Pegel auf der Strecke Tuttlingen-Sigmaringen geht auf null, der Fluss verschwindet, und kommt 12 km südlich, in der Aach-Quelle bei Aach am Hegau, als zweitstärkste Quelle Deutschlands wieder ans Tageslicht — um über Aach und Radolfzeller Aach in den Bodensee und damit ins Rheinsystem zu fließen. Wasserscheide unterirdisch verschoben, ein Fluss läuft sich selbst davon.

Heft 6 berichtet vom Tracer-Versuch, den wir vom 11. bis 18. Mai 2026 gemeinsam mit der Hydrogeologie-Arbeitsgruppe der Universität Tübingen und der BfG-Aussenstelle Konstanz durchgeführt haben — und ordnet die neuen Messwerte ein in eine Forschungsgeschichte, die bei Adolf Knop und 1877 beginnt.

Der Erstnachweis — Knop, Uranin, und 149 Jahre Forschung

Der Karlsruher Mineraloge Adolf Knop hat im Sommer 1877 die These, dass Donau und Aach-Quelle hydrologisch verbunden seien, mit dem ersten dokumentierten Markierungsversuch der europäischen Hydrogeologie bewiesen. Er schüttete 10 kg Fluorescein-Natrium, eine damals neue Anilinfarbe, in die versickernde Donau bei Immendingen. 60 Stunden später erschien das charakteristisch grüne Leuchten in der Aach-Quelle. Die geologische Welt war elektrisiert — der Versuch lieferte den ersten messbaren Beleg dafür, dass unterirdische Karst-Gerinne Wassermassen über Wasserscheiden hinweg transportieren können, und etablierte die Tracer-Methode als hydrologisches Standardverfahren.

Knops Pionierversuch ist seitdem mehr als zwanzigmal wiederholt worden, mit verfeinerter Messtechnik. Bekannt sind die großen Tracer-Tests von 1908 (Endriss), 1959 (Hötzl), 1991 (Geyer-Hötzl), und zuletzt 2018. Die Verweildauer pendelt jedes Mal um 60 Stunden, mit Schwankungen zwischen 50 und 78 h je nach Schüttung und Wassertemperatur. Die Strecke ist mit knapp 12 km Karst-Untergrund einer der längsten genau dokumentierten Karst-Direktwege weltweit.

Der Mai-2026-Versuch — Uranin und Fluorometer-Netz

Am 11. Mai 2026, 06:00 Uhr Ortszeit, bei einer Donau-Schüttung am Pegel Immendingen von 4,8 m³/s und einer Wassertemperatur von 11,2 °C, haben wir 5 kg Uranin (Natriumfluorescein, gelöst in 80 l Wasser, pH-stabilisiert) etwa 150 m oberhalb der bekannten Haupt-Versickerungsstelle in die Strömung injiziert. Die Markierungsmenge war gegenüber Knop deutlich reduziert, weil moderne Fluorometer Konzentrationen ab 0,02 µg/l zuverlässig detektieren, und wir die Konzentrations-Kurve sauber auflösen wollten, ohne die Aach mit Tracerfracht zu überlasten.

Das Mess-Netz an der Aach-Quelle umfasste vier Stationen:

  • ein Albillia GGUN-FL30 Online-Fluorometer am direkten Quelltopf (15 min Mess-Intervall)
  • drei Probennahme-Punkte alle 4 h, beprobt automatisch mit ISCO-3700-Samplern, Auswertung im Tübinger Labor mit einem Shimadzu RF-6000 Spectrofluorometer

Die Daten der ersten 96 Stunden im Überblick:

  • Erstankunft des Tracers nach 59 h 40 min, also fast exakt im Knop-Fenster
  • Peak nach 71 h, mit Spitzenkonzentration 14,8 µg/l Uranin
  • Tracer-Wiederfindung im Zeitfenster 0 bis 240 h lag bei 78,4 % der injizierten Masse — die fehlenden gut 20 % verteilen sich nach unserer Modellierung auf Beimischungen anderer Quellen und Sorptions-Verluste an Tonbelägen im Karst-System
  • Effektive Transit-Geschwindigkeit 200 m/h, das entspricht 56 mm/s — ein für Karst-Hauptgerinne typischer Wert

Schüttung der Aach-Quelle — die Mai-2026-Kurve

Die Aach-Quelle hat eine Schüttungs-Charakteristik, die in der mitteleuropäischen Karst-Hydrologie ihresgleichen sucht. Das langjährige Mittel liegt bei 8.500 l/s, was die Aach-Quelle nach der Blautopf-Quelle bei Blaubeuren zur zweitstärksten Karst-Quelle Deutschlands macht.

Die Mai-2026-Messreihe vom Pegel Aach hat folgendes Bild gezeigt:

  • Mittelwert über den Monat 8.840 l/s
  • Minimum 1.510 l/s am 3. Mai 2026, am Ende einer fünfwöchigen Trockenperiode
  • Maximum 23.880 l/s am 17. Mai 2026, nach drei Tagen ergiebigen Regens im Donau-Einzugsgebiet und einer signifikanten Donau-Versickerungsrate von 6,2 m³/s

Die Maximum-Schüttung der Aach-Quelle liegt damit knapp unter den 24.000 l/s, die die LfU Baden-Württemberg als historischen Höchstwert für die Quelle führt (Hochwasser-Ereignis 1999, mit 31.700 l/s). Die Schüttungs-Dynamik korreliert mit Donau-Versickerungs-Rate und Niederschlag im Karst-Hinterland — ein hydrologisches Multi-Input-System, das sich nicht trivial in eine einzige Funktion modellieren lässt.

Hydrologisches Modell — Karst-Doppelnatur

Das aktuelle Konsens-Modell für das Donau-Aach-System, an dem die LfU und die Hydrogeologie Tübingen seit den 1990er Jahren arbeiten, beschreibt zwei parallele Strömungsregime:

Konduit-Strömung in einem Hauptgerinne, das vermutlich entlang einer SW-NE streichenden tektonischen Schwächezone im Oberen Massenkalk verläuft. Diese Konduit-Komponente reagiert schnell auf Eingangs-Ereignisse — die 60-Stunden-Verweildauer der Tracer-Versuche ist der Kennwert. Sie liefert die kurzfristigen Schüttungs-Spitzen.

Diffuse Strömung im Kluft- und Porennetz der Kalkstein-Matrix, mit Verweildauern von Wochen bis Monaten. Diese Komponente puffert die Basisschüttung. Wenn die Donau für Wochen nicht versickert, weil ihre eigene Schüttung zu niedrig ist, läuft die Aach trotzdem mit 1.500 l/s weiter — gespeist aus dem diffusen Speicher.

Unsere Mai-2026-Daten lassen sich gut in dieses Bild einordnen. Der scharfe Tracer-Peak nach 71 h ist die Konduit-Antwort. Die lange auslaufende Tracer-Konzentration mit messbarem Uranin noch nach 240 h ist die Diffus-Komponente, die Spuren des Tracers über Wochen hinweg langsam aus dem Kluft-System abgibt.

BfG, LfU und der Stand der Daten

Die Bundesanstalt für Gewässerkunde betreibt am Pegel Immendingen seit 2017 eine kontinuierliche Versickerungs-Erfassung. Aktuelle Mai-2026-Daten zeigen an 18 von 31 Tagen eine Vollversickerung der Donau auf der bekannten Verlust-Strecke. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg wiederum überwacht die Aach-Quelle seit 1924 mit lückenlosen Schüttungs-Aufzeichnungen, eine der längsten kontinuierlichen Karst-Hydrologie-Reihen in Europa. Beide Datensätze sind über die offenen Portale der jeweiligen Behörden frei zugänglich und sollten Pflichtlektüre für jeden sein, der sich mit europäischer Karst-Hydrologie befasst.

Ausblick — die Möhringer Versickerung im Juni

Die nächste Mess-Tour, geplant für Mitte Juni 2026, konzentriert sich auf die weiter flussabwärts liegende Möhringer Versickerung — eine weniger spektakuläre, aber bei Trockenheit nicht weniger wichtige zweite Verlust-Strecke der Donau im selben Karst-Komplex. Auch dort werden wir mit Tracern arbeiten, diesmal mit Sulforhodamin G als sekundärem Farbstoff, um die Aach- und die ebenfalls vermutete Schleifenbach-Komponente differenzieren zu können. Heft 7 berichtet.


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