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Dolinen · 12 min

Dolinen auf der Schwäbischen Alb im Mai 2026 — die Genese

Vierzehn Dolinen aus dem Münsinger Feld vermessen — Durchmesser zwischen 8 und 42 m, Eraso-Index 2,1 bis 5,8. Eine Mai-Kartierung mit GPS und die geomorphologische Klassifizierung nach Lehmann gegen die jüngere Eraso-Schule.

Dolinen auf der Schwäbischen Alb im Mai 2026 — die Genese

Wer am frühen Morgen über die Münsinger Hochfläche läuft, sieht die Dolinen zuerst nicht. Erst wenn die schräge Sonne den Tau verbrennt und die Bodensenken länger im Schatten halten, schält sich das Muster heraus — ein flaches Schalenwerk im Wiesengrund, manchmal kaum als Geländeknick wahrnehmbar, manchmal als trichterförmige Vertiefung von neun Metern Tiefe. Heft 6 der laufenden Saison widmet sich der Genese genau dieser Formen. Die Kartierungs-Tour vom 4. bis 11. Mai 2026 hat vierzehn Dolinen exakt vermessen, alle innerhalb eines 2,8 km² großen Ausschnitts östlich von Münsingen, und liefert die Datengrundlage für diesen Beitrag.

Typologie — drei Genese-Pfade, ein Landschaftstyp

Die geomorphologische Lehrbuch-Trias unterscheidet seit Herbert Lehmann (1932) drei Doline-Typen, die sich auf der Alb alle nachweisen lassen.

Die Lösungsdoline entsteht in situ. Versickerndes, mit CO₂ angereichertes Bodenwasser löst den darunterliegenden Oberen Massenkalk des Weißjura ζ entlang von Kluftfugen. Über Jahrtausende sackt die Bodendecke nach, die Doline wächst von oben nach unten, immer im Maßstab der Karst-Korrosions-Rate von 30 bis 60 mm pro 1.000 Jahre, die Alfred Bögli für vergleichbare Mitteleuropa-Karste bestimmt hat. Im Münsinger Feld sind acht der vierzehn vermessenen Dolinen diesem Typ zuzuordnen. Sie haben die charakteristisch sanften Hangneigungen unter 25°, runde bis ovale Grundrisse, und ihr Boden ist mit Verwitterungslehm gefüllt — bei Doline M-04 betrug die Lehm-Mächtigkeit per Sondierung 2,1 m.

Die Einsturzdoline dagegen ist ein katastrophisches Ereignis im Zeitlupentempo. Ein darunter liegender Hohlraum — ein vom Karstwasser geweiteter Höhlengang, eine Spaltenhöhle — verliert die Tragfähigkeit der Decke, und die hangende Schicht bricht ein. Die Grenze zwischen langsamem Sacken und akutem Einbruch ist fließend; reine Einsturzdolinen erkennt man an steilen Wänden über 45°, am eckigen Grundriss, und an Sturzblöcken am Boden. Auf der Münsinger Begehung haben wir drei reine Einsturzdolinen identifiziert, darunter M-09 mit 6,8 m Tiefe und einer fast vertikalen Nordwand, an der der Massenkalk in dezimetergroßen Blöcken aufgeschlossen ist.

Die Schwemmdoline schließlich ist die jüngste der drei. Sie bildet sich, wenn eine bereits angelegte Doline durch Hangabschwemmung mit Lehm und Verwitterungsschutt teilweise verfüllt wird, sich aber durch wiederholte Versickerung erneut vertieft. Sie hat oft asymmetrische Profile — eine Luv-Seite, an der das Schwemmgut auflandet, und eine Lee-Seite, an der die Versickerungsöffnung freibleibt. Drei der vierzehn Münsinger Hohlformen passen auf dieses Schema; bei M-07 ist der asymmetrische Querschnitt mit 4,2 m versus 1,3 m Boden-Wand-Abstand ein Lehrbuchbeispiel.

Die Mai-2026-Kartierung — Methode und Befund

Die Kartierungs-Tour lief über acht Tage in zwei Vierertrupps. Aufnahme jeder Doline nach einem standardisierten Protokoll — GPS-Bestimmung des Mittelpunkts mit dem Garmin GPSMAP 67 (Genauigkeit unter Baumkronenfilter 3,2 m, auf freier Flur 1,8 m), Aufnahme von Durchmesser an Längs- und Querachse, Tiefenmessung vom umgebenden Geländemittel mit dem Disto X310, sowie Hangneigungs-Profile auf vier Achsen. Aus diesen Rohdaten berechnen wir den Eraso-Index, eine 1995 von Adolfo Eraso entwickelte dimensionslose Kennzahl, die Tiefe zu Durchmesser ins Verhältnis setzt und damit die Reife der Doline quantifiziert.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • Durchmesser-Spannweite 8 m (M-12, eine junge Lösungsdoline) bis 42 m (M-03, eine reife polygenetische Form mit vermutlich überlagerter Einsturz-Phase)
  • Tiefen-Spannweite 1,2 m (M-12) bis 9,4 m (M-09, die erwähnte Einsturzdoline)
  • Eraso-Index 2,1 (flache Schwemmdoline M-11) bis 5,8 (M-09, die tiefste Form des Felds)
  • Mittlere Hangneigung 18° für Lösungs-, 41° für Einsturzdolinen, 22° für Schwemmdolinen

Bemerkenswert ist die Häufung der Lösungsdolinen entlang einer NW-SE streichenden Kluftzone, die wir auf der Luftbild-Auswertung des LGRB Baden-Württemberg bereits vermutet hatten. Die Mai-Kartierung bestätigt das Bild — sieben der acht Lösungsdolinen liegen auf einem Streifen von maximal 280 m Breite und folgen damit dem Kluftnetz im Oberen Massenkalk.

Kalk-Schichtfolge und CO₂-Aggressivität

Geologisch sitzt das Münsinger Doline-Feld auf einer Folge aus Oberem Massenkalk (Weißjura ζ, oben) über Liegenden Bankkalken (Weißjura γ-δ). Der CaCO₃-Gehalt des Massenkalks beträgt im Mittel 97,4 %, was ihn als nahezu reinen Kalkstein für die Karstkorrosion prädestiniert. Die überlagernden Lehm-Böden — zwischen 0,4 und 2,8 m Mächtigkeit — sind hier der eigentliche Schlüssel. In ihren obersten Dezimetern liegen die CO₂-Partialdrücke je nach Jahreszeit zwischen 0,8 und 4,2 % der Bodenluft, also ein bis zwei Größenordnungen über dem atmosphärischen Niveau von 0,042 %. Die im Lehm produzierte Bodenkohlensäure ist es, die das Sickerwasser zu jenem aggressiven Karst-Lösungsmittel macht, das den Massenkalk angreift.

Die Bodenmessungen, die wir am 9. Mai bei trockenem, mildem Wetter (Lufttemperatur 16 °C, Bodentemperatur in 10 cm Tiefe 12,8 °C) an drei Profilen mit dem Vaisala-CARBOCAP-Sensor durchgeführt haben, zeigen den erwarteten Gradienten: 0,9 % CO₂ in 5 cm, 2,1 % in 30 cm, 3,4 % in 80 cm Bodentiefe. Damit hat das durchsickernde Wasser am Übergang zum Anstehenden eine Pufferkapazität, die jährlich rund 35 bis 45 mg Kalk pro Liter aufzulösen vermag — was, auf die Münsinger Versickerungsraten umgerechnet, eine plausible Größenordnung für die beobachteten Doline-Wachstumsraten liefert.

Lehmann gegen Eraso — die Klassifikations-Debatte

Wer Dolinen kartiert, gerät unweigerlich in eine alte Methodendebatte. Die deutsche Schule um Herbert Lehmann setzt auf qualitative Genese-Typen, in der Tradition von Jovan Cvijić, dessen Studie über die Karst-Phänomene Ostserbiens 1893 die moderne Karstgeomorphologie begründete und der die Doline-Typologie überhaupt erst etablierte. Die jüngere Eraso-Schule arbeitet quantitativ-morphometrisch, betrachtet die Doline als Punkt im Tiefe-Durchmesser-Raum, und liest Genese aus dem Index ab. Beide Ansätze haben Stärken — die Lehmann-Schule trifft die Entstehung präziser, die Eraso-Schule erlaubt überregionale Vergleiche. Heft 6 plädiert dafür, beide nebeneinander zu führen, und das tun wir auch in unserer Kartierungs-Tabelle: jede Doline trägt eine Lehmann-Klasse und einen Eraso-Wert.

Polygenetische Dolinen und die Phasen der Überformung

Heft 6 hat in der Mai-Kartierung dokumentiert, dass die Lehmann-Trias in der Praxis selten in reiner Form auftritt. Drei der vierzehn vermessenen Dolinen lassen sich nur als polygenetisch ansprechen — sie tragen Merkmale von zwei Genese-Pfaden gleichzeitig. M-03, die größte Form des Felds mit 42 m Durchmesser und 7,8 m Tiefe, hat im südlichen Randbereich eine Aufschluss-Zone, in der dezimetergroße Sturzblöcke aus Oberem Massenkalk in einer Lehm-Matrix liegen — ein typischer Befund für eine ursprüngliche Einsturzdoline, die in einer späteren Phase durch Lösungs-Korrosion erweitert und durch Schwemmlehm teilweise verfüllt worden ist. M-06 zeigt das gleiche Muster, allerdings in kleinerem Maßstab. Wer Dolinen nur als statische Endformen ansieht, übersieht diese Geschichte. Die Mai-Tour hat uns einmal mehr daran erinnert, dass Karst-Formen langlebige Akteure sind und ihre Genese-Pfade im Verlauf von Zehntausenden von Jahren wechseln können.

Ausblick — die Heidenheimer Felder im Juni

Die nächste Begehung führt uns nach Osten, in die Doline-Felder zwischen Heidenheim an der Brenz und Steinheim am Albuch. Dort vermuten wir, auf Basis der DGM1-Auswertung, mindestens 60 Hohlformen auf 3,5 km² — eine deutlich höhere Dolinen-Dichte als in Münsingen. Das Steinheimer Becken selbst, ein Impakt-Krater aus dem Miozän, ist zwar keine Karst-Form, liefert aber durch seinen umgebenden Sedimentations-Saum eine geologische Sonderkonfiguration, die das umliegende Karst-Geschehen beeinflusst. Die Juni-Tour beginnt am 8. Juni 2026 und wird über drei Wochen alle Formen mit Durchmesser über 6 m erfassen. Im Heft 7 berichten wir, mit einer dann hoffentlich auch vergleichend ausgewerteten Tabelle aus Münsinger und Heidenheimer Eraso-Werten.


Ressort: Dolinen